Leseprobe

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»Hören Sie das auch?«

Heute saß Nuria neben einer älteren Frau, die mit ihrer dreiviertellangen Treckinghose und den Birken­stocksandalen wie das Klischee einer deutschen Touristin aussah. Nuria hatte die 18-Uhr-Vorstellung gewählt, weil sie zu ungeduldig gewesen war, um noch länger zu warten.

»Was meinen Sie?«, fragte die Frau und legte den Kopf schief. Sie war sicher alleinstehend, entweder lange verwitwet oder nie verheiratet, gewohnt, sich die Welt ohne Begleitung anzusehen und sich in der Fremde mit großer Selbstverständlichkeit und ohne Scham als allein­reisende deutsche Touristin zu outen.

»Dieses … Flüstern«, sagte Nuria und legte eine Hand ans Ohr, wie um zu zeigen, dass die Frau schon sehr auf­merksam lauschen müsse, um zu hören, was sie hörte. Sie hatte bereits 20 Minuten vor Beginn der Vorstellung ihren Platz eingenommen, um sich erneut von der wis­pernden Stille im Saal verzaubern zu lassen. Aber heute war kurz nach ihr diese Frau hereingekommen und hatte sich direkt neben ihr niedergelassen. Das Glas Sangria, das Nuria viel zu schnell getrunken hatte, machte sie mu­tig und so hatte sie ganz entgegen ihrer üblichen Zurück­haltung gegenüber Fremden ein Gespräch mit der Bir­kenstockträgerin begonnen.

Die erzählte in ihrem starken bayrischen Akzent, dass sie nach einem absolvierten Jakobsweg nach Barcelona gekommen war, um sich die Sagrada Família anzusehen. Nur durch Zufall sei sie hier in dieser Vorstellung gelan­det. Ihr hätten die Füße so weh getan und der malerische Innenhof habe sie dazu verleitet, sich für ein Stündchen auf den samtroten Stühlen auszuruhen und gleichzeitig unterhalten zu lassen.

»I hör nix«, sagte die Frau. »Wirklich rein goar nix.« Nuria nickte. Sie hatte es fast vermutet.

 

Am Eingang neben der Kasse hatte ein Stapel eng­lisch- und spanischsprachiger Flyer einer Tanzschule gelegen, die Kurse vom Anfänger bis zum Profitänzer anbot. Auf der Vorderseite war ein Tänzer in Profilan­sicht zu sehen, dahinter eine Gruppe Frauen mit stolz vorgerecktem Kinn und graziös erhobenen Armen. Nuria hatte den Flyer in die Hand genommen, weil sie glaubte, es wäre eine Programmankündigung für die heutige Vor­stellung und ihn dann erschrocken wieder zurückgelegt. Eine Tanzschule! Das letzte Mal, als sie geglaubt hatte, tanzen lernen zu können, war sie fünf Jahre alt und im Kindergarten gewesen. Die Erzieherinnen hatten mit ihren Gruppen reizende Choreographien eingeübt, die den Eltern zur Weihnachtsfeier vorgeführt werden sollten. Die Mütter hatten kleine Tüllröckchen genäht und alle trugen weiße Bodys, auch Nuria. Am Ende war ihr eine Rolle zugewiesen worden, bei der sie die ganze Zeit in der Mitte des Raumes saß, mit den Armen wedeln durfte und die übrigen Kinder wie kleine Schwäne um sie herumtanzten.

 

Es war derselbe Gitarrist wie gestern, alle übrigen Musiker waren neu. Heute sang ein Mann und anstatt von der Geige wurden die beiden von einem Trommler begleitet, der auf einer Holzkiste saß, welcher er in unglaublicher Geschwindigkeit tiefe, warme Töne ent­lockte. Nuria spürte die Vibrationen bis tief unten im Bauch. Später erfuhr sie, dass dieses Instrument Cajón genannt wurde.

 

Eine junge Tänzerin mit sehr klassischem rot-schwarz-getupftem Kleid und fest zusammengebunden Haaren trat auf die Bühne, gefolgt von einem großen schlanken Mann, den Nuria sofort als den Tänzer auf dem Prospekt der Tanzschule wiedererkannte. Er hatte ein scharfes Profil und dunkle, lockige Haare, die er mit ein wenig Gel vergeblich zu bändigen versucht hatte. Sie fielen ihm schon bei den ersten Tanzschritten in die Augen, aber das schien Teil seiner tänzerischen Persön­lichkeit zu sein, denn die energische Geste, mit der er die Strähnen immer wieder zurückwarf, verlieh seiner Dar­bietung etwas sinnlich Anziehendes.

Die beiden tanzten zunächst abwechselnd, dann gemeinsam und ohne, dass sie einander berührten, schien der Raum zwischen ihnen zu knistern wie ein elektrosta­tisch aufgeladenes Feld.

War das echtes Begehren oder waren die lockenden Blicke und verführerisch schwingenden Hüften Teil der Show? Nuria stellte fest, dass ihr diese Partnerdarbietung überhaupt nicht gefiel, während der Rest des Publikums klatschte und johlte.

Dann tanzte der Mann alleine. Wieder saß Nuria auf der Kante ihres Stuhls, vorne in der ersten Reihe, und sie wandte nicht eine Sekunde den Blick von seinen Füßen, die mit einer unglaublichen Geschwindigkeit den Holz­boden bearbeiteten. Erst als sich sein Tempo verlang­samte, lehnte sie sich zurück, fast selbst außer Atem, und sah hinauf in dieses Gesicht, das trotz der körperlichen Anstrengung gelöst und zufrieden wirkte. Er vollführte mehrere schnelle Drehungen und fixierte sie immer wie­der mit seinen blitzenden, dunklen Augen. Sie wandte sich verstohlen um, um zu sehen, ob die Blicke vielleicht jemandem anderem galten, aber nein, der Stuhl hinter ihr war leer. Er sah sie an. Obwohl sie ihn ja selbst so scham­los von oben bis unten betrachtet hatte, waren ihr seine Blicke unangenehm. Sie war es gewohnt, dass Menschen sie anstarrten, aber nicht auf diese Weise.

Als hätte er ihre Gedanken erraten, bewegte er sich zur anderen Seite der Bühne und tanzte nun genau vor einer jungen Frau mit langen blonden Haaren. Sie strahlte ihn an und klatschte mit. Nuria nahm mit leichtem Miss­fallen wahr, dass er auch sie anlächelte und eine Geste mit den Armen vollführte, als wollte er sie zum Mittanzen auffordern. Das hatte er bei ihr nicht getan.

Die ganze Truppe klatschte den Takt und feuerte seine immer schneller werdenden Drehungen mit Óle-Rufen an. Dann verlangsamten sich seine Bewegungen und er zog sich in den Hintergrund zurück, um die Bühne für die Tänzerin freizugeben, die – getragen von der Welle der Begeisterung, die er beim Publikum in Gang gesetzt hatte – ein flammendes Finale aus schwingenden Röcken, fliegenden Armen und trommelnden Füßen hin­legte, sinnlich, ekstatisch, entgrenzt. Niemand blieb sit­zen, selbst Nuria nicht. Der steinerne Boden unter ihren Füßen vibrierte, die frenetisch applaudierenden Hände ringsum erzeugten eine Hitze im Saal, die ihr den Schweiß aus den Poren trieb, und gleichzeitig überlief sie eine Gänsehaut nach der anderen. Es war, als hätte sie selbst getanzt, als wären es ihre Füße gewesen, die den geballten Zorn ihres Lebens in diese Holzplanken getrommelt hät­ten, ihr Körper, der sich dort vorne gedreht und gewun­den hätte, ihre Seele, die sich in ihrer ganzen Schönheit und Hässlichkeit, ihrer Stärke und Verletzlichkeit vor den Augen aller entblößt hätte. Erschöpft sank sie auf ihrem Stuhl zusammen und konnte nicht verhindern, dass die Energie, die sie eben noch so machtvoll gespürt hatte, in einem unaufhaltsamen Tränenstrom davongespült wurde.

Wieder blieb sie so lange sitzen, bis alle anderen gegangen waren, auch die deutsche Touristin mit den Bir­kenstocksandalen, die ihr wortlos ein Taschentuch gereicht hatte.

Sie ging erst, als schon die Gäste für die nächste Vorführung kamen und ließ im Hinausgehen einen Prospekt der Tanzschule in ihre Tasche gleiten.

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