Leseprobe

 Mit der Macht der Worte

 

Es sind die dunklen Tage, die Raum für Licht geben.

An diese Worte ihrer Mutter erinnerte sich Virginia noch sehr genau, auch wenn der Rest von ihr wie hinter einer wehenden Gardine verborgen blieb. Ihr Porträt im Salon zeigte eine Frau von großer Schönheit, die Virginia jedoch nicht mit den schemenhaften Umrissen hinter dem Gazestoff in Verbindung bringen konnte.

Der Tag, an dem ihre Mutter für immer verschwunden war, lag nun neun Jahre zurück, doch das Licht, von dem sie gesprochen hatte, war ausgeblieben. Im Gegenteil, die Räume im Haus am Hyde Park Gate hatten sich sogar noch mehr verfinstert, als zwei Jahre später Stella gestorben war, Virginias große Schwester, durch die zumindest etwas Licht auf sie hatte scheinen können, weil Stella selbst wie eine Mutter gewesen war.

Und bald würde nun der Vater folgen.

Wenn sich die Gardine nur beiseiteziehen ließe, dachte Virginia oft, wenn sie nur noch einmal einen klaren Blick auf ihre Mutter erhaschen könnte, dann würde das Licht auch ihr Inneres fluten. Aber je mehr sie versuchte, den irritierenden Stoff zu lüften, desto mehr schien sich das Gewebe zu verdichten, und sie hatte zunehmend das Gefühl, die freie Sicht auf das zu verlieren, was im Jetzt geschah.

Doch vielleicht, so hoffte sie, gäbe es Worte mit der Macht einer Zauberformel, die dieses Wunder bewerkstelligen konnten. Die ihr den Blick freigeben würden auf die Wahrhaftigkeit dessen, was gewesen war. Was immer noch war. Und was sein würde.

 

Kapitel 2

Manorbier, Pembrokeshire, März 1904

 

Nur wenige Wochen nach dem Tod ihres Vaters mietete George ein Haus in einem der abgelegensten Küstenorte von Wales. Manorbier lag im Schatten einer normannischen Burg, die sich an die schroffe Steilküste klammerte. Die wenigen Häuser des Ortes schienen sich zu ihren Füßen zusammenzukauern, und bis auf eine kleine Kirche auf einem Hügel gab es weit und breit nichts als Gras, Felsen und ein paar Schafe, die dem steten Wind trotzten.

 

 

Gemäß dem Wunsch ihres Vaters hatten sie seine Asche auf dem Grab der Mutter verstreut. Virginia stellte sich vor, wie der Regen die feinen Partikel in den Boden wusch, wo sie sich mit den verrotteten Resten dessen vermischten, was einmal ihre Mutter gewesen war, und daraus wieder neues Leben erwachsen konnte. Trost brachte ihr dieser Gedanke allerdings nicht.

Einige Male nahm sie etwas zu schreiben auf ihre Spaziergänge mit, legte sich an einer windgeschützten, trockenen Stelle auf den Boden und lauschte den Geräuschen, die sie umgaben. An windstillen Tagen war es, als könne sie die Erde atmen hören. In diesen Momenten glaubte sie verstehen zu können, was die Welt im Inneren zusammenhielt und sie suchte nach den Worten, um dieses Gefühl der Erkenntnis zu beschreiben.

Den Rücken in eine felsige Nische oberhalb der steil abfallenden Küste gepresst, die Beine angezogen und den Blick auf das Meer gerichtet, begann sie zu verstehen, was sie eigentlich schreiben wollte. Wie sie schreiben wollte. Es musste möglich sein, eine Sprache zu finden, die ihre eigene wäre, eine Sprache, die wie das Auf und Ab der Wellen klang, die diesem Atmen der Erde, wie sie es manchmal zu hören meinte, entsprach. Eine Sprache, die nicht nur abbildete, was sie sah und was in der äußeren Welt geschah, sondern die den tiefen Zusammenhang zwischen dem Geist des Einzelnen und dem großen Ganzen spürbar werden ließ. Oft glaubte sie, in den versteckten Nischen ihres Geistes wartete die Geschichte einer Frau darauf, dass sie sie entdecken und in Worte kleiden würde. Diese Frau könnte sie eine Reise zu den unberechenbaren Wogen des Lebens antreten lassen, mit einer Sprache, die den Klang dieser Wogen nachbilden würde.

Sie hatte viele Bücher mitgebracht, Bücher, die sie in den vergangenen Monaten beiseitegelegt hatte, weil sie keine Muße fand. Nun blätterte sie durch die Seiten, las Shakespeare, Dante, Plato, Euripides und hatte das Gefühl, dass sich ihre Fähigkeit zu Denken und Zusammenhänge zu Verstehen mit jedem Wort, das sie von diesen großen Männern las, erweitere. Im Lesen und im Schreiben, so glaubte sie, trat sie in Kontakt mit dem alles verbindenden Geist, der auch einen Plato oder Shakespeare erfüllt haben mochte, Und dass der Geist, den sie in der Erde atmen hörte, derselbe war, den auch ein Plato wahrgenommen und mit seinen klaren, schönen Worten zum Ausdruck hatte bringen können. Sie musste nur die richtigen Worte finden, um selbst ein schöpferischer Teil dieses Ganzen zu werden.

Wenn jedoch die Düsternis sie wieder überkam, schämte sie sich dieser Gedanken. Wie konnte sie als Frau es wagen, in geistige Welten eindringen zu wollen, die nur von Männern geschaffen wurden und ganz gewiss nicht für sie bestimmt waren! Sie hatte nie eine Schule besucht, würde niemals eine Universität von innen kennenlernen. Ihr Drang nach geistiger Entwicklung war anmaßend, und so ließ sie die Ehrfurcht vor den Geistesgrößen, deren Texte sie las, zusammenschrumpeln wie eine gerade erst sich entfaltende Blüte in der glühenden Mittagssonne.

Sie führte Gespräche. Aber nicht mit Vanessa, die doch immer ihre erste Ansprechpartnerin gewesen war, und schon gar nicht mit ihren Brüdern, die ohnehin niemals verstanden hätten, was sie bewegte. Ihre Geschwister schienen auf einer helleren Seite des Lebens angekommen zu sein. Über den Vater, seinen Tod und das, was sie zurückgelassen hatten, sprachen sie nicht. Sie redeten über Rebhühner und seltene Schmetterlinge, über köstliches Gebäck und eigenartige Käfer, die es nur hier zu geben schien. Meist hörte Virginia auch gar nicht zu, wenn die Geschwister bei Tisch über Nichtigkeiten diskutierten. Sie saß schweigend da und nickte an Stellen, die ihr dafür passend erschienen, ohne jedoch zu wissen, ob es wirklich so war.

Stattdessen führte sie Gespräche mit ihrem Vater. Im Geiste versuchte sie, ihm zu erklären, was sie entdeckt hatte. Dass sie glaubte, eine eigene Sprache finden zu müssen, für eine Literatur, die sich grundsätzlich von der seinen und all der anderen Schriftsteller vor ihm unterschied.

„Was für ein Unsinn“, sagte er dann. „Die Sprache ist ein Regelwerk, dem wir alle unterliegen, das wir nicht missachten können, wenn wir einander verstehen wollen.“

„Aber“, so antwortete sie ihm im Geiste, „diese Regeln sind von Männern gemacht. Sollen sie für uns Frauen in gleicher Weise gelten? Wo doch so viele Dinge für uns nicht gelten, die für Männer selbstverständlich sind?“

„Du willst schreiben?“, fragte er dann. „Nun, schreib. Aber bilde dir nicht ein, dass das, was du dir in deinem schwachen, weiblichen Geiste ausdenkst, von Bedeutung sein wird.“

„Könnte es nicht sein“, entgegnete sie, „dass mein schwacher, weiblicher Geist, wie du ihn nennst, so viel stärker werden könnte, wenn er nicht aufs Gebären und Versorgen reduziert würde, sondern sich in Universitäten mit euch klugen Männern austauschen dürfte? Wenn er nicht eingesperrt und verlacht, sondern geachtet und gefördert würde?“

„Ich habe dir immer Bücher zum Lesen gegeben“, verteidigte sich ihr Vater. „Du darfst dich nicht beschweren.“

„Mehr wäre möglich gewesen“, war ihre Antwort darauf. Sie warf ihm vor, dass sich alles immer nur um ihn und seine Arbeit als Biograph gedreht habe, dass er dem Leben bedeutender Männer so viel mehr Aufmerksamkeit und Zeit gewidmet habe als ihr und ihrem Wunsch, selbst Schriftstellerin zu werden. Aber sie bat ihn auch um Verzeihung, ihn in den letzten Jahren seines Lebens alleingelassen zu haben mit seiner alles verzehrenden Trauer um ihre Mutter. Wie viel näher hätten sie einander kommen können, wenn diese Gespräche, die sie nun im Geist mit ihm führte, tatsächlich stattgefunden hätten. Nun war es zu spät und das Versäumte nie mehr nachzuholen.

 

„Denkst du noch manchmal an ihn?“, fragte sie einmal Vanessa, als sie gemeinsam mit Vanessas Staffelei loszogen, um eine besonders schöne Stelle aufzusuchen. Virginia hatte einige Tage zuvor einen Felsvorsprung entdeckt, von dem aus man die gesamte Küste überblicken konnte. Im spätnachmittäglichen Dunst erinnerte der Landstrich an die steingewordenen Falten einer ins Meer sinkenden Abendrobe.

„Wenig“, sagte Vanessa. „Und wenn …“ Sie zog entschuldigend die Schultern hoch.

„Wenn?“, fragte Virginia.

Die Schwester sah sie nicht an, als sie nach einer ganzen Weile antwortete: „Wenn, dann mit Erleichterung.“

Nach all dem, was Vanessa in den letzten Monaten hatte leisten, hatte ertragen müssen, war die Antwort zu erwarten gewesen; ihre Körperhaltung, die Zufriedenheit, die sich in ihrer Miene spiegelte und ihr wiederkehrendes, fröhliches Lachen sprachen für sich, und doch rückten die Worte ihre Schwester ein weiteres Stückchen von ihr weg, hinaus in die Helligkeit, wo sie mit ihren Brüdern ihre neugewonnene Freiheit feierte, während Virginia im Schatten zurückblieb.